Sonntag, 21 Dezember 2014 00:00

08/15 - Zuhause, Karrierecenter und Grundausbildung Empfehlung

geschrieben von  Ein Rekrut
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Grenadiere bei der Ausbildung: G36 zerlegt und  zusammengesetzt Grenadiere bei der Ausbildung: G36 zerlegt und zusammengesetzt Foto: Waldecker Tagblatt

IRGENDWO IN DEUTSCHLAND. (wat) Teil 1.  Zuhause - Karrierecenter - Grundausbildung

Inspiriert durch einige Berichte im Waldecker Tagblatt, möchte ich die Zeit nach dem Abitur bis zum Ende meiner Grundausbildung bei der Bundeswehr mit einigen satirischen Einlagen Revue passieren lassen. Die Personen in diesem Roman hat es wirklich gegeben, aus Datenschutzgründen wurden die Namen allerdings geändert. Wir schreiben das Jahr 2014.

Mein Name ist Christoph Weller, ich bin 18 Jahre alt und komme gerade von der Abi-Fahrt aus Llorett De Mar. Seit Wochen habe ich nichts anderes getan als mit meinen Freunden aus dem Abiturjahrgang zu  feiern. Wir sind die Größten, die Besten und die Intelligentesten. So wurde uns das auf jeden Fall seit Jahren von unseren Lehrern in der Christian Rauch Schule permanent bescheinigt. Diejenigen, die nicht dazu gehörten verließen uns in Etappen, bis nur noch der harte Kern übrig blieb und  der sich in der Tageszeitung abgelichtet wiederfinden konnte. Die geistige Elite war bereit die Menschheit zu retten. Doch es sollte anders kommen. Jedenfalls bei mir...

Mein Berufswunsch war Jurist, nicht in Korbach, nicht in Frankfurt, sonder weit, weit weg. Amerika war mein Ziel. Einige Bewerbungen hatte ich bereits verschickt und im Frühjahr 2014 flog ich mit der Lufthansa für eine Woche über den großen Teich, um die Aufnahmeprüfung in einer Anwaltskanzlei in den USA zu absolvieren. Ohne viel Tam Tam, bestand ich die Prüfung mit Bravour und saß einen Tag vor meiner Abreise nach Old Germany vor dem Personalmanager der mich und zwei weitere Bewerber beglückwünschte. Ich hatte den Job, ein duales Studium in Amerika. Der Rückflug dauerte zehn Stunden. Ich werde von meinem Vater mit dem Auto am Flughafen in Frankfurt abgeholt und erfahre nebenbei, dass ich am kommenden Dienstag beim Karrierecenter der Bundeswehr in Wiesbaden ein Vorstellungsgespräch habe. Einwände, dass ich bereits einen Job habe fegt mein Vater mit der Bemerkung: "Aus dir soll mal was vernünftiges werden, mach erstmal deinen Wehrdienst und dann sehen wir weiter",  weg.

Auf dem Weg nach Wiesbaden sprechen mein Vater und ich sehr wenig. Die Auseinandersetzungen der letzten Wochen lassen wenig Spielraum für eine angenehme und konstruktive Unterhaltung. Ich habe mich dem Diktat meiner Eltern gefügt und betrete das Karrierecenter. Mein Vater wird am Eingang höflich durch den Pförtner aufgefordert, mich nun allein den Weg gehen zu lassen und in mir keimt schon die Freude auf, dass ich in wenigen Sekunden endlich der Willkür meines Vaters  entkomme. In meinem Hirn überschlagen sich die Vorstellungen, wie ich es anstelle, ausgemustert zu werden, als ich meinen Vater sprechen höre: "Stabsfeldwebel der Reserve Weller, hier ist mein Ausweis, ich gehe natürlich mit rein". Mein Vater duldet grundsätzlich keinen Widerspruch uns so bedankt sich der sichtlich verwirrte Pförtner mit freundlichem Nicken des Kopfes und lässt uns durch. Mir schwant schon jetzt böses. Während mein Vater in der Kantine im obersten Stock des Gebäudes Kaffee trinkt, werde ich von einem Hauptfeldwebel, einem Psychologen, einer Ärztin und einem Hauptmann betreut, untersucht und befragt. Ganze acht Stunden verbringe ich in diesem Betonklotz der Bundeswehr und als ich das Gebäude verlasse, empfängt mich mein Vater grinsend mit den Worten: "Lass mich raten, du kommst am 1. Oktober nach  Thüringen in die Grundausbildungskompanie zu den Grenadieren", haut mir dabei auf die Schultern und beglückwünscht mich zur bestandenen Aufnahmeprüfung. Ich werde das Gefühl nicht los, dass mein Erzeuger auch hier wieder seine Hände im Spiel hatte.

Die Rückfahrt von Wiesbaden ins Waldecker Land wird durch Monologe meines Vaters geprägt: "Kameradschaft, Bundeswehr und Marder"  sind die Schlagworte, die ich  in unregelmäßigen Abständen zu hören bekomme.  In Marburg fahren wir von der Stadtautobanh ab und halten zur Feier des Tages bei Mc Donalds. Der Burger bleibt mir allerdings schon beim ersten Bissen im Hals stecken. Als mein Vater sagt: "Junge, das wird vorerst dein letzter Burger sein, du bist zu Fett", schmeiße ich den Rest des Mahls in den Mülleimer und dränge zur Eile.  Zuhause angekommen empfängt uns meine  Mutter mit den Worten: "Und, wie war`s denn so?", antwortet mein Vater euphorisch : "Natürlich ist der Junge genommen worden, der hat doch meine Gene". Ich verziehe mich in mein Zimmer und lege die Call of Duty in meine PS4 um mich abzureagieren. Heute bin ich besonders grausam zu meinen Gegnern und gewinne etliche Spiele.

Am nächsten Morgen werde ich Alarmmäßig von meinem Vater geweckt. Die Trillerpfeife, die ungefähr zehn Zemtimeter von meinem Ohr entfernt mein rechtes Trommelfell zum Platzen bringen möchte, lässt mich aus dem Tiefschlaf schrecken. "Es ist 5 Uhr, in zehn Minuten ist Antreten im Sportanzug", schreit mein Alter in einem militärischen Ton, das mir die Haare zu Berge stehen. Ich quäle mich aus dem Bett, suche meinen Trainingsanzug und kleide mich an. Einmal um den See wollen wir laufen, danach Duschen und Frühstücken, so ist der Plan. Ich schaffe genau 1000 Meter, dann bin ich am Ende. Meine Lungenflügel klatschen Beifall, meine Beine zittern und ich möchte umdrehen als mich der schneidende Tonfall in der Stimme meines Vaters  zum Weiterlaufen drängt. Überflüssige Floskeln wie "Vorwärts immer, rückwärts nimmer" oder "Nimm dir ein Beispiel an deinem Vater" begleiten uns beim Frühsport. Nach zwei Stunden und ca. sechs Kilometern Laufleistung, komme ich mit wunden Füßen und völlig Erschöpft am Hause meiner Eltern an. Mein Vater ist schlecht gelaunt und kündigt, wie er sagt: "weitere Körperertüchtigungen in erheblichem Umfang" an. Ab sofort muss ich meinen Vater mit "Herr Stabsfeldwebel" ansprechen, auch die Dienstgradabzeichen lerne ich jetzt fleißig und täusche Interesse an seinen Bundeswehrgeschichten aus grauer Vorzeit vor.

Die nächsten Wochen sind die Hölle. Während mein Vater mir in den letzten Jahren egal war, habe ich nun einen abgrundtiefen Hass gegen ihn entwickelt. Tagtäglich traktiert er mich und immer wieder muss ich mir die monotonen Geschichten aus seiner aktiven Dienstzeit ("Kameradschaft, Bundeswehr und Marder") anhören. Als ich dann auch noch zum 19. Geburtstag die goldene "Ausbilder Schmidt" Edition geschenkt bekomme, ist der Bruch zu meinem Vater endgültig. Nachts träume ich davon ihn vom Hausdach zu schubsen, wache aber dann jedesmal schweißgebadet auf bevor er fällt und stelle enttäuscht fest, dass ich einen Albtraum hatte. Zwei Tage vor dem Dienstantritt  werde ich von meinen Eltern zugetextet. Meine Mutter erklärt mir zum 50. mal, dass ich mich nie freiwillig melden- und dass ich immer schön auf mich aufpassen soll. Mein Vater ist schon genauer und geht ins Detail: "So, mein Sohn, du hast nun das Rüstzeug ein guter Deutscher Soldat zu werden, solltest du Versagen und in drei Tagen wieder vor der Tür stehen, kann ich dir schon jetzt versprechen, dass das Schloss der Haustür ausgetauscht wird und leider kein Zweitschlüssel mitgeliefert wurde". Ich setze mich in meinen Golf und fahre ohne in den Rückspiegel zu schaun in Richtung Bad Salzungen. Das Navi meiner Eltern ("habe ich dir gekauft, damit du pünktlich und sicher in Bad Salzungen ankommst") bringt mich direkt vor die Werratal-Kaserne. Das Auto muss ich draußen stehen lassen und so gehe ich mit meinem Einberufungsbescheid vom Karrierecenter zur Torwache. Mir wird der Weg zu meiner Kompanie gewiesen und schon stehe ich vor einem Hauptfeldwebel.... Der zweite Teil (Grundausbildung) folgt !

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Letzte Änderung am Dienstag, 23 Dezember 2014 08:52

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