Mittwoch, 29 April 2015 00:00

Konnte ihn nicht mehr hören: Postbote verliert Schwager Empfehlung

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Wird nur noch von einem Postillon gefahren: Die fürstliche Postkutsche zu Arolsen Wird nur noch von einem Postillon gefahren: Die fürstliche Postkutsche zu Arolsen Symbolbild: 123RF/honoriert

BAD AROLSEN. (wat) Ein Postbote aus Arolsen vermisst seinen Schwager. Dieser hatte sich aus dem Staub gemacht.

Völlig aufgelöst und mit den Nerven am Ende, hat ein Postbote seinen Schwager bei der Polizei als vermisst gemeldet. Rund sechs Jahrzehnte hatten die beiden Postillone die fürstliche Post vom Marstall, in die 80 Meter entfernte Residenz gefahren. Ganz im Stil vergangener Epochen. Vierspännig, mit hochglanzpolierter Kutsche. Zwar nicht immer pünktlich, auch nicht immer nüchtern, aber mit anerzogenen preußischen Tugenden und voller Stolz, dem Waldecker Fürsten untertänigst dienen zu dürfen. Dass die beiden Postillone, die im Dienste des Herrschers aller Waldecker seit Jahren keinen Lohn erhalten haben, störte da wenig.

 

Hoch auf dem gelben Wagen, schwangen der Kutscher und sein Schwager die Peitsche, schmetterten lautstark und lustig das Horn und tranken den schäumenden Gerstensaft, der ihnen von mach schöner Wirtin aus einer der vielen Bierschenken in großen Krügen gereicht wurde. An der Linde, zum Eingang  beim Schloß, muss es dann passiert sein:  "Ich habe wie in den vergangenen Jahrzehnten mein Lied gesungen, zwischen den Strophen mein Bier getrunken und mit den Mädels geschäkert, als ich bemerkte, dass mein lieber Schwager nicht mehr neben mir weilte", beschreibt der fürstliche Postillon gegenüber dem Waldecker Tagblatt die verfahrene Situation. "Ich habe mir fürchterliche Sorgen um den Mann meiner verstorbenen Frau gemacht", klagte der sonst so lustige Kutscher sein Leid.

 

Tatsächlich ist der bis auf´s Gerippe abgemagerte Schwager in einem Moment der Unachtsamkeit des Kutschers, vom Bock gesprungen. Dem Waldecker Tagblatt berichtete der flüchtige Postbote, dass er sich seit 61 Jahren das immer gleiche Lied vom gelben Wagen  angehört habe und er mittlerweile dem Suff verfallen sei, weil sein Schwager an jeder Schenke anhalten und die Bierkrüge in Empfang nehmen musste. "Das schrecklichste war aber die Stimme meines Schwagers. WIE-DER-LICH wie der Hornochse mir täglich das Lied vom gelben Wagen vorgetragen hat, dabei kann der gar nicht Singen, doch damit ist nun Schluss", so der an Tinnitus leidende 84-jährige Mann. "Ich gehe nun in den wohlverdienten Ruhestand und von meinem Schwager, will ich nichts mehr sehen und schon gar nichts hören", beendete der Schwager des Schwagers sein langjähriges Engagement im Dienste des Fürsten.

 

Die Domanialverwaltung in Bad Arolsen sucht nun einen neuen Postillon. Er sollte trinkfest sein, sich mit Pferden auskennen und folgendes Lied auswendig singen können. Lohn wird, wie seit Jahrzehnten üblich, keiner bezahlt. Allerdings ist das Arolser Bier kostenlos.

 

Hoch auf dem gelben Wagen
sitz ich beim Schwager vorn.
Vorwärts die Rosse traben
lustig schmettert das Horn.
Felder und Wiesen und Auen
wogendes Ährengold.
Ich möchte ja so gern noch bleiben,
aber der Wagen, der rollt.

Postillon in der Schenke
füttert die Rosse im Flug.
Schäumendes Gerstengetränke
reicht mir der Wirt im Krug.
Hinter den Fensterscheiben
lacht ein Gesicht so hold.
Ich möchte ja so gerne noch bleiben,
aber der Wagen, der rollt.

Flöten hör´ ich und Geigen
lustiges Baßgebrumm.
Junges Volk im Reigen
tanzt um die Linde herum,
wirbelt wie Blätter im Winde
jauchzet und lacht und tollt.
Ich bliebe ja so gerne bei der Linde,
aber der Wagen, der rollt.

Sitzt einmal ein Gerippe
dort beim Schwager vorn,
schwenkt statt der Peitsche die Hippe
Stundenglas statt des Horns,
sag ich: „Ade nun, ihr Lieben
die ihr nicht mitfahren wollt.
Ich wäre ja so gern noch geblieben,
aber der Wagen, der rollt.

Links: schloss-arolsen.de, hofbrauhaus-arolsen.de, hna-Regiowiki, youtube. Fotos: 123rf, waldecker-tagblatt.de

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Letzte Änderung am Donnerstag, 30 April 2015 14:13

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