Dienstag, 08 März 2016 00:00

Reifen Hirsch geerntet: Jäger verklagt Jagdanbieter Empfehlung

geschrieben von 
Artikel bewerten
(10 Stimmen)
13 mal wurde der Hirsch getroffen 13 mal wurde der Hirsch getroffen Foto: Waldecker Tagblatt

DIEMELSEE/MARSBERG. (wat) Für einen 67-jährigen Diemelseer endete der Abschuss eines 1 A-Hirsches im Desaster.

Gestern wurde im Amtsgericht Korbach Recht gesprochen. Ein 67-jähriger Jäger aus Diemelsee  warf dem Jagdanbieter Reinhard Blatter aus Leitmar vor, ihn arglistig getäuscht zu haben. Dieser widersprach vehement und wollte Beweise für seine Unschuld vorlegen, dazu kam es allerdings nicht.

Doch was war wirklich geschehen, an diesem frostigen Tag des 9. September 2015 in der Hochzeit der Hirschbrunft? Dieser Frage wollte Richterin Heidrun Gütlich ausführlich beantwortet haben und so schilderte der Kläger Karl Bock seine Erlebnisse: "Ich hatte eine Annonce in unserer Tageszeitung gelesen, in der ein Jagdanbieter einen Flatratabschuss auf Rotwild angeboten hatte. Dazu gehörte ein erfahrener Jagdführer, fünf Jagdhornbläser, ein Schweißhund um eine eventuelle Nachsuche durchführen zu können, eine Brotzeit und ein Flachmann mit Korn gefüllt.  Das gesamte Paket sollte 999 Euro kosten, die trophäenstärke spielte keine Rolle. Allerdings konnte das Wildbret nicht erworben werden, was auch nicht schlim war, da ich sowieso kein Wildfleisch mag. Da ich ein schlechter Schütze bin, war die Sache für mich dahingehend interessant, dass ich mehrfach auf den Hirsch Schießen könne, da dieser sehr schusshart sei und durch einen Rotwildlocker schnell wieder auf der Bildfläche erscheinen würde. Außerdem bestätigte  mir der Jagdvermittler, dass im Notfall ein versierter Schweißhund zur  Verfügung stehen würde, sollte eine Nachsuche von Nöten sein. Der Termin zur Hirschjagd wurde auf den 9. September 4 Uhr festgelegt. Ich führ mit meinem Jimny zum Treffpunkt auf einem Parkplatz zwischen Adorf und Leitmar, die Begrüßung war herzlich, hier wurde ich nochmals darauf hingewiesen, dass die Waffe erst auf dem Stand geladen werden dürfe. Bei völliger Dunkelheit leuchtete mein Jagdführer mir mit der Taschenlampe den Weg aus, wir erreichten nach wenigen Minuten eine Ansitzeinrichtung, auf der ich Platz nehmen sollte. Ich nahm meinen Rucksack vom Rücken, lud meinen Karabiner im Kaliber 7 x 64 mm und wartete darauf, das es hell werden würde. Mein Jagdführer und der Schweißhund an meiner Seite gaben mir die nötige Sicherheit, trotzdem bekam ich leichte Zitteranfälle als die ersten Singvögel den nahenden Morgen ankündigten. Ein Specht klopfte im gleichmäßigen Rhythmus an den Stamm einer deutschen Eiche, die Enten hatten Reihzeit und ich hörte zu, wie sie sich im nahen Weiher vergnügten.  Nun wurde mein Jagdführer aktiv, er holte seine Tritonmuschel hervor und gab eine Serie von Lockrufen von sich, die mich zum Frösteln brachten.  Plötzlich erschien der angekündigte Hirsch vom 11 Kopf auf einer Wiese, ich riss die Waffe hoch, der rote Punkt in meinem Glas sauste von vorne links, nach hinten rechts, über den Stich, auf die Läufe, mein Körper bebte vor Jagdfieber und so schloss ich die Augen und... drückte ab. Die Kugel schlug in die linke Keule des Hirsches  ein, der Geweihte zeichnete deutlich, sprang ab und verschwand im Wald.  Ich griff sofort zum Flachmann und nahm einen kräftigen Schluck Korn zu mir. Der Jagdführer beruhigte mich und sagte mir, ich müsse mir mehr Zeit nehmen, nichts überhasten und so nahm ich mir vor, mehr Konzentration walten zu lassen. Ein weitere kräftiger Schluck aus der Flasche beruhigte mich zusätzlich. Das Szenario widerholte sich, der Lockruf ließ den Hirsch aus seinem Einstand wechseln, nun war ich vorsichtiger, ich sprach den Hirsch mit meinem Feldstecher an, mein Jagdführer bestätigte den Abschusshirsch, ich nahm noch einen Schluck aus dem Flachmann, legt die Waffe auf die Brüstung, stach ein, drückte ab und es machte Klick. Ich hatte scheinbar vergessen nach dem ersten Schuss zu repetieren, als ich dies gerade nachholen wollte, warf der 28-Ender auf und sprang zurück in seinen Einstand. Ich schimpte lautstark über mein Missgeschick, der Jagdführer besänftigte mich und mahnte zu mehr Ruhe um den Morgenansitz nicht zu gefährden. Da mein Flachman bereits leer war, bettelte ich den Jagdführer an, dieser übergab mir seinen mit Obstler gefüllten Silbermann, ich trank ein kleines Schlücken davon und Jagdführer Kalle blies erneut in die Tritonmuschel. Der stolze Recke zog zu meiner Verwunderung erneut auf die Bühne, nun war mir alles egal, ich riss den Flachman an mich, schüttete den Rest in meine Schlund, entsicherte den Karabiner, stach ein und schickte die Kugel auf die lange Reise. Deutlich konnte ich sehen, das das Geschoß zwischen Vorderlauf und Keule einschlug, roter Schweiß ergoss sich aus dem Wildkörper, doch auch diesmal warf der Hirsch sein Geweih zum trotze auf, äugte mich noch einmal blöde an und verschwand im nahen Waldstück. Jetzt gab es kein Halten mehr, ich nahm die Tritonmuschel selbst in die Hand, quälte ein paar Töne heraus, der Hirsch sog erneut auf die Wiese, ich legte an und der Schuß saß mitten im Leben. Zu meiner Überraschung ging danach das Licht an, aus den Jagdhörnern ertönte das Signal Hirsch tot, der Jagdvermittler überreichte mir einen Bruch, der nach Ketchup roch, wünschte mir Waidmannsheil und bat mich Platz zu nehmen, um die Szenen auf der Leinwand  noch einmal aufarbeiten zu können. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass ich in einem Jagdkino saß, mein Jagdführer und die fünf Bläser wollten mir ebenfalls gratulieren, doch ich fühlte mich derart hintergangen, dass ich dankend ablehnte und die Sache anschließend persönlich bei der Polizei angezeigt hatte - und nun sitze ich hier und möchte mein Geld zurück haben", so der Kläger.

Die Richterin in ihrer schwarzen Robe zog sich wortlos in den angrenzenden Raum zurück, kam nach 10 Minuten mit verheulten Augen zurück und las das Urteil vor: "Herr Bock, wegen Dummheit und Geiz kann ich sie leider nicht verurteilen, hier sieht der Gesetzgeber kein Strafmaß vor, ich kann sie aber wegen Trunkenheit bei der Jagdausübung zu 61 Tagessätzen a 100 Euro verdonnern. Damit dürfte ihr Jagdschein in den Reißwolf wandern, die Untere Jagdbehörde wird darüber in Kenntnis gesetzt. Die Klage ist somit abgewiesen. Der Kläger trägt die Kosten der Verhandlung", begründete Richterin Heidrun Gütlich ihr Urteil.

Der Jagdveranstalter hat übrigens eine neue Annonce in der Tageszeitung geschaltet. Darin ist zu lesen, dass nach der UVV der Konsum von Alkohol bei der Jagdausübung verboten ist. Der Hirsch vom 11 Kopf ist aber immer noch frei...auch außerhalb der Jagdzeit.

Anzeige:

Letzte Änderung am Mittwoch, 09 März 2016 09:20

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.